Benutzer-Werkzeuge

Webseiten-Werkzeuge


rp_indiv:7012

7012

↖️ ✔️

MR und H zeigen, bei aller Integrität der Melodie, viele feine Unterschiede, die Cento für Cento dargestellt und diskutiert werden. Üblicherweise folgen der
westfränkischen Tradition / MR (francia occidentalis = frOc) Wc (MR auf Linien) und Bv. Der
ostrfränkischen Tradition / H (francia orientalis = frOr) aber Ka (H auf Linien) und Tol.

1. Periode

A variatio.
„adape-ri-at H Die Neume Trc+Trc initio debilis wird sinnvollerweise mit Clv eingeleitt. Die Variante von MR ist im Zugriff schärfer, sie zielt mehrmals das „la“ unmittelbar an, H umspielt. Wie fast immer folgt Bv der frOc-Tradition mit MR (selbstverständlich auch Fo und Wc, aber auch Wm), während Tol H entspricht (selbstverständlich auch Ka, aber auch Lc).

e accentus incipiens. „do-mi-nus“ Bv unisonisch „sol-fa-fa“, daher ist auch MR so zu verstehen. Das „sol-mi-fa“ von Lc und T2 ist H zuzuordenen. Ka kann dem wegen der do-Revision nicht folgen.
„do-mi-nus Die resupin-Note „fa“ von H übernehmen alle, nur Bv und Wc gehen mit MR, allerdings überrascht T2.

e▫️ accentus finalis.
„cor ves-trum beide adiastematischen Quellen schreiben Pes quassus: „sol“ ist der Zielton, das „la“ hat Doppelpunkwirkung.
„in le-ge Der pes disgregatus in MR zeigt an, dass der erste Ton des Pes höher ist als der letzte der vorhergehenden Neume.

B accentus finalis.
„et in praeceptis“ MR nkTerzPes „la-do“; H kPes, der applizierte Oriscus kündigt die Einleitung der CAD 3B an. In Lc, Ka und T2 ist der erste Ton des (k)Pes verschwunden. Der applizierte Oriscus wird als eigener Ton interpretiert, allerdings nicht in Ka. Die Vielschichtigkeit der Belege kann nicht mehr, wie bisher üblich, als „Verfall der Tradition in späteren Quellen“ wegerklärt werden; dazu sind die selben Quellen in zu vielen Fällen treue Zeugen der einen Tradition.

„et in prae-cep-tis“ Die beiden adiastematischen schreiben Clv und Osc sbp, also einen dreistufigen Clm mit Osc in der Mitte. Fast alle diastematischen Quellen notieren 4 Töne „la-sol-sol-fa“, Ka und Wm in dritter Position den Oriscus. Nur Lc schreibt schlicht einen dreitonigen Clm „la-sol-fa“. Die beiden „sol“ sind sicher nicht zu reperkutieren, so ergibt sich ein dreitoniger Clm mit angestütztem mittlerem Ton. Wir notieren ihn als Quadrata mit Hals links, eingebettet zwischen Rhomben, um seinen Mehrwert gegenüber der Umgebung zu notieren.
„et in praecep-tis Klassische Einleitungsneume zur CAD dt im Cento PR3 B. Der Gipfelton ist „si“ (reine Quint zum finalen „mi“. Das „sibemolle“ in T2 scheint a.m. zu sein), nur Ka notiert „do“ (do-Revision).
Beide Adiastematischen füllen einen der beiden Terzsprünge auf: H im Aufstieg, MR im Abstieg.

2. Periode

C accentus finalis.
et faciat“ Tonal logisch (3.modus) und equaliter: der Ton ist „mi“. Alle jungen Quellen vertreten hier die do-Revision.
„et fa-ciat“ MR 4stufiger/toniger Scandicus.
H Terzsprung nach oben (Quilisma), der Oriscus gibt den Gipfelton über der Rezitation („sol“) an.
Das „fa“ ist entweder die Übertragung des Quilismas als Ton, oder das Eingehen auf MR. „et faci-at“ Der Epiphonus in H, MR, Tol verhindert/widerspricht dem Pes Bv.

D accentus finalis.
nos-tris“ Die feine Artikulation dieser Neume zum 4.Ton hin (zum „si“) wird nur in H notiert. Schon MR notiert das nicht! Wie sollte man nun denn die Melodien der einzelnen Handschriften, die keinerlei rhythmische Information mehr beabsichtigen, im Tableau darstellen, ohne dem Vorurteil Solesmes´ aufzusitzen, jede Neume begänne mit der ersten Note, oder den melodisch und vor allem artikulatorisch völlig belanglosen Schreibeigenheiten jeder einzelnen Handschrift zu verirren? Das Abmalen der ohnehin als Facsimile zugänglichen Quellen ist nicht Zweck der Tableaus.
in diebus“ Die Graphie in H ist eine Virga strata liqueszens, nicht zu verwechseln mit einem Porrectus liqueszens. Das Zeichen in MR ist eine Virga mit appliziertem Oriscus, ohne Liqueszenz!. Alle diastematischen Schreiber schreiben Cephalicus! Ist die Liqueszenz möglicherweise die Übertragung eines unverstandene Oriscus in der zweiten Gregorianik? Fo, Bv und mit ihnen Wm nützen die Gelegenheit zu einer raumgreifenden Quart-Unterschwung.
„in di-e-bus“ Ob diese Stelle zum „si“ führt (Bv), oder zum „do“ (Tol und selbstverständlich die jungen Quellen) lässt sich adiastematisch nicht lösen. Der Trc in Wc und Fo scheint eine Art Kompromiss darzustellen.

3. Periode

E accentus finalis.
„concedat vobis“ Die beiden Akzente führen zum „si“. Das „do“ in Ka widerspricht dem „sa“ in Fo undT2. Der Pes disgregatus „vo-bis“ in MR hat nur einen Sinn, wenn die Silbe davor als Clivis zum „sol“ führt (cf. Fo2) und der Pes nichtkurrent ist (nkPes).
sa-lu-tem“ anfangsartikulierter Trc res. Die üblichen Verdächtigen: Ka, Wm und Fo2 gehen zum do (Revision). Wc (vide MR!) füllt den Terzfall aus (Plerosis).
„salu-tem“ die vertraute CAD-Formel ist weniger gefährdet, der Plerosis anheimzufallen. Nur Bv schreibt das Quilisma als Ton.

F accentus finalis\\. Es zeigt sich immer mehr: im dreidimensionalen Gebilde von Raum und Zeit mag MR zeitlich gleich alt oder sogar älter als H sein, der ostfränkische Raum scheint die ältere Tradition weiterzutragen, während die Traditio frOc sich früher neuen Zeitströmungen öffnet. (so gesehen sind J.Pothier und A.Mocquereau in ihrer Konfrontation zwischen tradition vivante und tradition legitime Westfranke gegen Ostfranke, frOc gegen frOr.

Vorzeichen sind in T2 sehr selten, häufig in Stücken des 3.modus, vermutlich a.m.. Wc etabliert (b bei „concedat“) den Tetrachord „fa-so-la-sa“ und hält ihn bis zum Ende durch. Damit ist das finale „mi“ nur ein Anhängsel, der 3.modus ein „F-Dur mit falschem Schluss“; eine sehr moderne Sicht des Deuterus. Fo2 und T2 spielen mit dem Wechsel „b“ gegen „h“, alle anderen Quellen negieren das „b“, die do-Revision in Ka, Wm und Fo2! widersprechen dem ohnehin.

Die Einleitungsneume zur CAD dt ist unterschiedlich stark der Plerosis ausgesetzt. Die Inkonsequenz widerspricht einer Deutung als Übertragung des Quilisma als Ton.

Vers

V
nec vos deserat“ Ausnahmefall: H keine Clv oder Epiphonus. Daher ist das „si“ wie in Bv sehr logisch. Die jüngeren Quellen sind alle schematisch.

rp_indiv/7012.txt · Zuletzt geändert: 2022/09/15 15:11 von xaverkainzbauer