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Liqueszenz

Um die heutige questio disputandi überhaupt verstehen zu können, ist ein Rückblick auf die Gregorianische Restauration notwendig. Solesmes (Pothier) hat in Ablehnung und Überwindung der Editio Medicaea seine Ausgabe, die dann 1907 zum Graduale Romanum wurde, aus den „ältesten Quellen“ erstellt und sich dabei in „Rhythmusfragen“ auf das Cantatorium (923 n.Chr.) und Einsiedeln (gegen 1000 n.Chr), in „Melodiefragen“ aber auf codex Montpellier und ergänzend Klosterneuburg (beide 12.Jh) gestützt. Das bedeutet:

eine paleographische Zuordnung hat gefehlt. Man ging, Kinder ihrer Zeit, von einer immer und allzeit unveränderlichen Gregorianik aus.

Dieses Problem wurde schon früh zwischen Pothier und seinem Schüler Mocquereau zum Streitthema: tradition vivánte - tradition legitime

Wir setzen an :

1️⃣ Mit Blick auf die Handschriften des 12.Jahrhunderts war man im 19.Jahrhundert der Überzeugung, ein Cephalicus der adiastematischen Handschriften sei (immer) eine Clivis, deren zweiter Ton in seiner Sonorität vermindert ist, aber trotzdem erklingen muss. Daher schrieb man immer eine kleine Nebennote dazu. Fälle, wo vom Melodieverlauf her ein Nebenton undenkbar ist, ließ Pothier man stillschweigend unter den Tisch fallen und schrieb einfach Punktum.

2️⃣ Mitte des 20.Jahrhunderts machte man mit den Liqueszenzen ernst, die nicht aus einer Clivis abgeleitet sein konnten, sondern von einer Virga entstanden sind und unterschied

augmentative Liqueszenz: eine Eintonneume wird in ihrer Sonorität vermehrt, ohne einen zweiten Ton zu bilden, und

diminutive Liqueszenz: Eine Zweitonneume verliert in ihrem zweiten Ton Klangkraft und dieser reduziert sich zu einem Schwalaut, einem klanglichen Anhängsel auf anderer Tonstufe. In der aus dieser Erkenntnis folgenden Praxis wurde und wird dieser zweite Ton aber trotzdem wie ein voller Ton gesungen. Man höre gängige Choralaufnahmen an.

3️⃣ Aus dem Studium der adiastematischen Handschriften und den semiologischen Untersuchungen G.Joppichs, gestützt durch centologische Untersuchungen, entstand am Beginn des 21. Jahrhunderts eine neue Sicht der Liqueszenz: Ein Cephalicus oder Epiphonus ist immer nur ein Ton, zwar klanglich vermehrt, aber nie mit Nebenton, ob er nun aus Clivis oder Pes entstanden ist (diminutiv), oder aus Virga oder Tractulus (augmentativ). Die centologischen Untersuchungen zeigen, dass die weiterführende Kraft der Clivis durch Liqueszierung verhindert werden soll, dass der Cephalicus staut. Würde ein zweiter, wenn auch kleiner Ton (klingt er in der Praxis wirklich klein?) gesungen, so wäre eben dieser Stau zerstört.

Ein erhellendes Beispiel sind zwei Vesperantiphonen zum Fest der hl.Lucia, die unmittelbar hintereinander stehen und zweimal die TER PR de 5 in Binnenposition verwenden, da die eigentliche Aussage der Antiphon bereits vollständig ist.

In 0055 geht es darum, dass Lucia Zeugin für Chrístus ist. Daher wird die für den Cento constitutive Clivis zum Cephalicus reduziert, der Stau auf der Endsilbe „mar-tyr/“ provoziert den Akzent Chrí-stus .

In 0056 wird Lucia für ihre Geduld gelobt. Sie war geduldig, weil sie „Bráut Christi“ ist. Der letzte Akzent ist nicht betont, die Clivis führt fließend in den letzten Akzent „christi“.

Die Begriffe augmentative und diminutive Liqueszenz gelten weiterhin, sie haben unterschiedliche elucotorische Funktion, aber klingen gleich! Augmentativ wird eine (Akzent)silbe durch Klangerweiterung verstärkt. Diminutiv wird eine Clivis zum Einton reduziert, die weiterführende Kraft zerstört, damit provoziert und verstärkt sie den folgenden Akzent.

0079 ? 0105 ! nicht einem SLM, 0170 höher!, 0538

Cephalicus

Epiphonus

Dasselbe gilt für den Epiphonus. Die Akzentuierung, die üblicherweise durch einen höheren Ton geschieht, soll hier zurückgenommen, aber trotz Verzichts auf den höheren Ton gehört, mitgedacht sein. (cf. NEO 1730).

Neumaphaga

Folgt ein zweiter Turculus auf einen höheren, cf.: „ex-au-di“ 0520 (hier la-si-la und sol-la-sol), so zieht der erste Torculus den Anfangston des folgenden an sich, er „frisst“ ihm den ersten Ton weg (neuma - phagein = Neumen fressen). Das kann in den adiastematischen Handschriften unterschiedlich notiert sein. Der „gefressene Ton“ wird meist als Liqueszenz am Ende des ersten Torculus notiert (L, Ch, A, Y, Kl), in jüngeren Quellen kann er auch völlig verschwinden, aufgefressen sein. Wir entscheiden uns den „gefressenen“ Ton in seiner ursprünglichen Position als initium debilis des zweiten Torculus zu notieren.


Liquescere = flüssig machen. „Verflüssigen“ verlangt ein sorgfältiges Aussprechen am Silbenübergang.

Liqueszenz ist möglich und oft notwendig

• beim Aufeinandertreffen zweier Konsonanten „Ad te“ (zu sprechen entweder als „até“ ohne Liqueszenz, oder als „ada)té“ mit einem zugleich verbindenden und trennenden Gleitlaut, Schwalaut, eben der Liqueszenz. (deutsche Beispiel Schrift - schlampige Sprache - sorgfältige/liqueszente Sprache: Kirche = Kiache = Kiriche)

• bei Diphtongen (Zwielauten) „ei, eu, au…“, die, um nicht zum Einfachlaut zu verkommen (Meister → Mester, Freude → Fröde, Mauer → Moer) eine Art „j“ angehängt bekommen „Meijster, Froijde, Maujer, eben liqueszent ausgeweitet werden.

• bei Semivokalen (Klingern) „m, n, ng, s, f…“ z.B.: „et nubes pluant“ liqueszente Aussprache „plujanth“.

Die heutige Sprachlehre unterscheidet 2 Arten von Klangqualitäten der „Buchstaben“: Vokale und Konsonanten

Vokale  -  Konsonanten
           Reibelaute -       Verschlusslaute
           

Die lateinische Klassik allerdings unterschied 3 Sonoritäten in der Sprache

vokales -  semivokales  -     mutae
Klinger -  Halbklinger  -     Stumme 

Es gibt auch liqueszenzfähige Silben die nicht liquesziert werden.

Für diesen Bereich einer sorgfältigen Aussprache sind die Liqueszenzzeichen der adiastemtischen Neumen zuständig. Vor allem aber die Liqueszenzzeichen waren für die zweite Gregorianik (nach 1000) Anlass und Möglichkeit, trotz des Auktoritasprinzips (Kein Jota und Strichlein darf an der Quelle verändert werden) ihre Vorstellungen von Melodie und Musik an den ansonsten sakrosankten Melodien der ersten Gregorianik zu verwirklichen. Sprünge der Melodie wurden zu Tonleitern aufgefüllt, Rezitative zu Melodien aufgelöst.

neumen/liqueszenz.txt · Zuletzt geändert: 2017/11/20 20:13 von xaverkainzbauer